Gutes Leben in seltsamen Zeiten

Hiermit starte ich mein 6-Wochen-Projekt zum Thema “Gutes Leben in seltsamen Zeiten”. Ab heute, dem 06.11. wird es bis zum 18.12. jeden Tag einen Post geben. Ich möchte das Projekt für mich nutzen um endlich mal die ganzen Gedanken dazu zu formulieren, die ich zum Thema im Kopf habe. Und ich bin auf der Suche nach denen unter euch Leser*innen, die sich genau wie ich fragen, wie man das eigentlich so hinkriegt mit dem guten Leben, wenn alles um einen herum immer noch seltsamer, verrückter und auch beängstigender wird. Die sich das alles anschauen und sich fragen:

Muss das eigentlich alles so sein?

Müssen wir wirklich so leben, arbeiten, konsumieren, unterwegs sein, Beziehungen führen wie wir es tun? Tun wir uns eigentlich wirklich gut damit? Dass wir unserem Heimatplaneten damit nicht gut tun, sollte inzwischen eigentlich allen klar sein. Dass unser Lebensstil in den reichen Ländern zur Ausbeutung von Menschen in ärmeren Ländern beiträgt, auch.

Aber wie geht es richtig? Geht es überhaupt richtig?

Wenn ich konventionell hergestellte Kleidung kaufe, ist es fast egal, welchen Hersteller ich wähle, die Kleidung kommt doch aus denselben Fabriken mit mehr oder weniger fragwürdigen Produktionsbedingungen. Aber wenn ich nachhaltig produzierte Mode kaufen will, ist die im Schnitt teurer, was sich vielleicht nicht jede*r leisten kann.

Und wenn wir versuchen, uns gesünder zu ernähren, z.B. weniger Fleisch zu essen und stattdessen zu einer Avocado greifen, dann können wir inzwischen zahlreiche Artikel dazu finden, dass Avocados eine ganz schlechte Umweltbilanz haben. (Im verlinkten Artikel steht aber auch, die Umweltbilanz von Fleisch sei noch schlechter.)

Aber selbst wenn wir mal nur auf uns selbst schauen: Wie gehen wir eigentlich mit uns selbst um, unseren Körpern, unseren Gefühlen, Wünschen, Bedürfnissen, Werten, Träumen, Zielen? Behandeln wir uns selbst liebevoll, respektvoll? Tun wir uns selbst eigentlich gut oder befinden wir uns nicht oft im andauernden Kampf mit uns selbst, kritisieren, nörgeln, verurteilen uns selbst.

Fühlen wir uns eigentlich verbunden?

Für mich ist das die zentrale Frage, wenn es darum geht, wie wir ein gutes Leben führen können. Meine Beobachtung ist, dass wir sehr oft das Gegenteil leben: Entfremdung. Von uns selbst, von unserer Arbeit, von anderen Menschen, von unserer Umwelt. Selbst die Natur wird oft nur noch konsumiert anstatt erlebt. Um Natur zu erleben, reicht aber ein Spaziergang oder eine Radtour, da muss man nicht erst einen Kurs im Waldbaden buchen. (Ich hatte gerade den Gedanken, dass wir erst in einem Kurs – für den wir bezahlen – uns erlauben, mal etwas für uns selbst zu tun.)

Wenn man sich die Frage stellt, wie das geht mit dem guten Leben in seltsamen Zeiten, läuft man Gefahr, ganz konfus zu werden. Es gibt so viele Perspektiven, aus denen man sich die Frage stellen kann. Aber ich mache hier das Fass mal bewusst groß auf, lasse nichts raus. Die konkreten Veränderungen, die macht man dann in kleinen Schritten, nachdem man sich überlegt hat, wo man anfangen will. Im Moment sammele ich erst mal, beobachte.

Aber bevor es zu theoretisch wird – hier der erste Impuls für euren Alltag:

Wie viele Baumarten kennt ihr eigentlich? An wie vielen Bäumen lauft ihr vorbei, von denen ihr nicht wisst, zu welcherArt er gehört. Macht ein Foto und findet den Namen heraus. Eine gute Seite dazu ist Baumkunde.de, es gibt aber auch Apps dazu, für Android gut bewertet ist Pl@ntNet.

Morgen habe ich dann eine schöne Übung zum Thema In-Verbindung-Sein für dich!

Bis Morgen!!

Katrin

PS: Ich stehe mit den Firmen/Seiten/Produkten, die ich verlinke in keiner Geschäftsbeziehung. Die Verlinkungen erfolgen nur aus inhaltlichen Gründen.

Warum mir viele Ansätze zum Thema Nachhaltigkeit nicht ausreichen.

Auf Twitter fand ich folgendes Zitat, das mich sofort angesprungen hat und ziemlich viele meiner bisherigen Gedanken und Zweifel zum Thema Nachhaltigkeit zusammenfasst:

In diesem YouTube-Video ist nochmal die Langfassung zu sehen. (George Carlin war übrigens ein amerikanischer Komiker und Schauspieler.)

George Carlin trifft mein Unbehagen, was vieles an der Diskussion über Nachhaltigkeit angeht, ziemlich gut. V.A. meine ich damit den Satz: “We don’t even know how to take care of ourselves, we haven’t learned to take care for another”. Wie können wir behaupten, wir retteten den Planeten, wenn wir es noch nicht mal schaffen, gut mit uns selbst und gut miteinander umzugehen?

Und ich stimme auch voll zu, wenn er sagt, es geht nicht um den Planeten, es geht um uns Menschen. Wir machen unseren eigenen Lebensraum kaputt, nicht den Planeten. Die Erde hat schon viel mehr mitgemacht als uns.

Versteh’ mich nicht falsch, es geht nicht darum, dass nachhaltiges Handeln Blödsinn ist, ich meine damit nicht “Nach mir die Sintflut”. Immerhin zerstören wir auch den Lebensraum anderer Lebewesen, von Pflanzen und Tieren, die sich das ja nicht aussuchen können, dass sie zur selben Zeit auf der Erde sind wie wir. Und wir Menschen sind nun mal die einzigen, die verstehen – und vielleicht noch beeinflussen – können, was mit uns allen auf unserem Planeten Erde passiert.

Aber es gab die Erde vor uns Menschen und es wird sie danach geben.

Und deswegen ist Nachhaltigkeit ist für mich viel mehr als eine andere Ernährung, Vermeiden von Plastikmüll oder das Vermeiden von Autofahrten und Flugreisen. (Interessanterweise wird Nachhaltigkeit gerne gleichgesetzt mit den Themen Ernährung, Müllvermeidung und Kosmetik, das Thema Mobilität wird gerne auch mal ausgelassen.)

Im Grunde geht es um nichts weniger als die Frage, wie wir Menschen auf unserer Heimat Erde leben wollen. Aber wir können wohl kaum erwarten, dass sich 7.000.000.000 Menschen darüber einig werden. Und genauso wenig kann man wohl jede*m einzelnen begreiflich machen, dass das eigene Handeln einen Einfluss hat, dass es eben nicht egal ist, was wir essen, wie wir wohnen oder reisen u.v.m.. Selbst wenn unser gelber Sack sich langsamer füllt, weil wir unseren Plastikmüll reduzieren, ist das ja nur der Bruchteil eines Bruchteils eines Bruchteils des globalen Mülls. Wenn wir das Auto abschaffen und nur noch Zug fahren, wird die Luft, die wir einatmen für uns nicht spürbar besser. Wir können kaum mehr als darauf vertrauen, dass unser Handeln einen Unterschied macht, langfristig.

Aber im langfristigen Denken und Handeln sind wir Menschen eben auch nicht besonders gut.

Und deswegen fangen viele eben erst gar nicht an. Und kurzfristige, direkte Bedürfnisbefriedigung spüren wir eben, an der Zufriedenheit mit dem neuen Oberteil oder dem Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit im neuen Auto.

Im Grunde heißt Nachhaltigkeit, sich über seinen Platz auf dieser Welt klar zu werden. Das heißt auch, sich darüber klar zu werden, was meine Bedürfnisse und Ansprüche sind. Und ob sie global gesehen, überhaupt gerechtfertig sind. Wir in den reichen Ländern sind alle an Ausbeutung und Umweltzerstörung beteiligt, allein durch die Kleidung, die wir tragen, durch die Erdbeeren, die wir im Februar essen wollen, die Metalle in unseren Handys. Nur 5% der Weltbevölkerung fliegen überhaupt und sind damit verantwortlich für einen großen Teil der CO2-Belastung. Und sich das klar zu machen ist unangenehm. Weil wir uns an unseren Lebensstandard gewöhnt haben, ihn für selbstverständlich halten oder sogar meinen, ein Recht auf ihn zu haben.

Nachhaltigkeit erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion.

Für mich fängt Nachhaltigkeit damit an, sich selbst und nur sich selbst zu fragen: Was brauche ich eigentlich wirklich im Leben? Was sind meine Bedürfnisse, was sind Wünsche, worauf meine ich ein Recht zu haben, einen Anspruch? Wäre es wirklich ein so großer Verzicht, ständig neue Kleidung zu kaufen oder verstopfe ich damit nicht doch nur meinen Kleiderschrank? Brauche ich wirklich jedes Jahr ein neues Handy oder kann ich das jetzige nicht doch so lange benutzen, bis es wirklich kaputt ist?

Und es geht über den Konsum sogar noch hinaus. Was ist eigentlich mit meinen ganz eigenen Ressourcen, meinen eigenen Kräften, Fähigkeiten, meinen Gefühlen? Wie gehe ich eigentlich mit mir um? Nutze ich meine eigenen Ressourcen zu wenig oder überbeanspruche ich sie? Wie ist mein Verhältnis zu anderen Menschen? Wie gehe ich mit ihnen um? Wenn da nicht mehr so viele unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche wären, müssten wir vielleicht auch nicht so viel durch Konsum kompensieren.

Ja, das ist ein verdammt hohes Ideal. Und nein, ich erfülle es selbst bei weitem nicht. Ich bin ganz gut, was nachhaltige Mobilität angeht, aber damit hat es sich dann im Wesentlichen auch. Ich bin selbst noch auf der Suche nach meinem Weg und damit noch ganz am Anfang.

Aber es ist mir wichtig zu sagen, dass Nachhaltigkeit verdammt noch mal mehr ist als wohlfühlige, instagram-taugliche Events. Nachhaltigkeit zwingt uns in den reichen Ländern uns an die eigene verwöhnte Nase zu fassen, uns der unglaublichen Privilegiertheit unseres Lebens bewusst zu werden und auch noch Platz zu lassen für die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen aus den ärmeren Ländern. Die sind nämlich genauso berechtigt wie unsere.

Es geht nicht um den Planeten. Es geht um ein gerechtes, menschenwürdiges, artgerechtes Leben für uns alle, jetzt und in Zukunft.


Was brauchst du?

Woran hast du gedacht, als du die Frage “Was brauchst du?” gelesen hast? Was ist dir spontan eingefallen? Vielleicht konntest du die Frage gar nicht beantworten, weil da das “Wofür?” fehlt. Die Frage: “Was brauchst du, wenn du traurig bist?” wirst du sicher anders beantworten als: “Was brauchst du, um den Stress im Job besser zu bewältigen?” Oder es hat dir das “Wann?” gefehlt. Was brauchst du jetzt gerade? Was brauchst du morgens, wenn du deine Kinder aus dem Haus scheuchen musst? Bei dieser Frage könnte auch noch das “Von wem?” ins Spiel kommen. Was könnten dein Mann oder deine Kinder tun, damit der Stress morgens geringer ist?

Es gibt auf die Frage “Was brauchst du?” ganz viele verschiedene Antworten. Ich habe mir mal angesehen, was “brauchen” laut Duden heißt und habe folgende Definitionen gefunden:

nötig haben, [für sich] benötigen: “Trost brauchen.” “Er braucht eine Brille.”

(zur Erledigung von etwas eine bestimmte Zeit) benötigen, aufwenden müssen: “Der Zug braucht zwei Stunden bis Stuttgart.”

bedürfen: “Es braucht keiner weiteren Erklärungen.”

gebrauchen, verwenden, benutzen: “Kannst du die Sachen noch brauchen?”

(in bestimmter Menge) verbrauchen, aufbrauchen: “Das Gerät braucht wenig Strom.”

müssen: “Er braucht heute nicht zu arbeiten.”

Bisher war von “brauchen” im Sinn der ersten Definition die Rede. Ich könnte z. B. auch sagen: “Was benötigst du, um den Stress im Job besser zu bewältigen?”

Allerdings verwenden wir “brauchen” auch oft im Sinn von “gebrauchen, verwenden, benutzen”: “Das Kleid brauche ich nicht mehr, das kannst du haben.” Oder – und diese Definition fehlt im Duden – im Sinn von “wollen”: “Ich brauche unbedingt das neue Handy XYZ!” In beiden Fällen geht es oft um Materielles, um Dinge. Das muss aber nicht automatisch etwas schlechtes sein. Meine Frage “Was brauchst du?” kann durchaus auch in diesem Sinn beantwortet werden: “Ich brauche jetzt was zu essen!” oder “Ich brauche eine warme Winterjacke.”

Die Antworten auf die Frage lassen jeweils erkennen, welche Bedürfnis gerade im Vordergrund steht. Wenn du sagst: “Wenn ich traurig bin, brauche ich eine Umarmung.” dann ist es dein Bedürfnis getröstet zu werden, damit die Traurigkeit weniger wird oder ganz verschwindet. Wenn du sagst: “Ich brauche eine warme Winterjacke”, dann ist es dein Bedürfnis, im Winter nicht zu frieren, es warm zu haben.

Aber was brauchen wir, wenn wir sagen: “Ich brauche/will unbedingt das neue Handy XYZ!” erst recht, wenn wir zu Hause noch das Vorgängermodell haben, das auch noch funktioniert? Da geht es vielleicht mehr um das Gefühl, sich etwas leisten zu können, zu denen zu gehören, die Vorreiter sind. Da ist das Handy vielleicht ein Statussymbol. Auch das ist nichts schlechtes, wir alle haben unsere Statussymbole. Mit ihnen zeigen wir, wie wir gesehen werden möchten. Für die einen ist es das schnelle Auto, für den anderen das neueste Lastenrad mit E-Antrieb.

Dennoch finde ich es wichtig zwischen “brauchen” und “wollen” zu unterscheiden. “Wollen” hat etwas kurzfristigeres, impulsgesteuertes. Jede von uns hat schon mal aus einem Impuls heraus etwas gekauft, was dann direkt nach dem Kauf schon wieder uninteressant war und nie benutzt wurde. “Brauchen” ist viel fundamentaler, zielt auf die ureigensten Bedürfnisse ab, bis hin zu den Überlebens-Bedürfnissen. Wir alle brauchen Sauerstoff, sonst würden wir ersticken. Wir alle brauchen sauberes Trinkwasser, ausreichend und gesundes Essen, ein warmes und sicheres zu Hause.

Aber selbst wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind würden wir nicht davon sprechen, dass sie für ein erfülltes und zufriedenes Leben reichen. Vielleicht ahnst du es schon, ich steuere auf die Maslowsche Bedürfnishierarchie zu. Das Modell stammt vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908 -1970). Zu diesem Modell gibt es einen ganz guten Wikipedia-Artikel, da kannst du nachlesen, wenn du mehr dazu wissen willst. Für den Moment übernehme ich nur seine Bedürfniskategorien:

Physiologische Bedürfnisse: z. B. Atmung, Wasser, Nahrung, Schlaf, Fortpflanzung

Sicherheitsbedürfnisse: körperliche und seelische Sicherheit, materielle Grundsicherung, Arbeit, Wohnung, Familie, Gesundheit

Soziale Bedürfnisse: soziale Beziehungen, die Zugehörigkeit, Kommunikation, Austausch und Unterstützung gewährleisten. Dazu gehören auch Liebe und Sexualität.

Individualbedürfnisse: Vertrauen, Wertschätzung, Selbstbestätigung, Erfolg, Freiheit und Unabhängigkeit. Maslow unterscheidet hier Bedürfnisse, wie Stärke, Erfolg, Unabhängigkeit und Freiheit, zu deren Verwirklichung wir aktiv beitragen können von Bedürfnissen wie Ansehen, Prestige oder Wertschätzung, die uns andere geben müssen.

Selbstverwirklichung: Entfaltung von Talenten, Potenzialen und Kreativität. Zeigen, was in mir steckt.

Diese Bedürfnisse werden oft in einer Pyramide dargestellt, mit den physiologischen Bedürfnissen an der Basis und der Selbstverwirklichung an der Spitze. Diese Darstellung geht aber gar nicht nicht auf Maslow selbst zurück, sondern stammt von anderen Autoren.

Maslows Bedürfnishierarchie wird dafür kritisiert, dass es suggeriert, es müssten erst die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden, damit die “höheren” Bedürfnisse überhaupt entstehen. Dem steht entgegen, dass Bedürfnisse immer wieder aufs Neue befriedigt werden müssen. Wir müssen z. B. jeden Tag trinken, essen und schlafen. Ich glaube außerdem, dass alle Bedürfnisse gleichzeitig vorhanden sind. Aber natürlich ist es sehr schwer, Selbstverwirklichung zu erreichen, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat und sich täglich fragen muss, wo man genug zu essen her bekommt.

Und natürlich kann es auch sein, dass wir uns unserer Bedürfnisse gar nicht bewusst sind. Wenn jemand immer wieder unkontrolliert isst, dann erfüllt sich damit nicht mehr das Bedürfnis nach Nahrung, das ist längst übererfüllt, sondern es steckt etwas anderes dahinter, dessen man sich oft nicht bewusst ist.

Trotzdem finde ich Maslows Kategorien ganz gut, um sich vor Augen zu führen, wie viele Antworten die Frage: “Was brauchst du?” haben kann. Wenn z. B. meine Tochter zu mir kommt und sagt : “Mir ist kalt!” kann es sein, dass es ihr hilft, wenn ich die Heizung etwas wärmer drehe oder ihr eine Decke gebe. Dann wäre ihr auf physiologischer Ebene geholfen. Aber vielleicht fühlt sie sich auf emotionaler Ebene schlecht und sucht seelische Wärme. Dann liegt ihr Bedürfnis eher auf der sozialen Ebene und ich helfe ihr, indem sich sie fest in den Arm nehme.

Und ganz kompliziert wird es, wenn Bedürfnisse konkurrieren: Alle Eltern kennen die Situation, dass das Nähebedürfnis und der Hunger ihres Babys dem eigenen – dringenden – Bedürfnis nach Schlaf entgegen steht. Da kommt dann Verantwortung ins Spiel – die Eltern kümmern sich zuerst um das Baby und dann erst um sich. Zum Thema Verantwortung sagt Maslows Bedürfnishierarchie so weit ich weiß leider nichts.

Aber der Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen anderer muss sich nicht nur im eigenen Nahbereich abspielen. Wenn wir unser Bedürfnis nach Wärme im Winter mit Kleidung erfüllen, die z. B. in einer Textilfabrik mit untragbaren Arbeitsbedingungen hergestellt wird, dann tragen wir möglicherweise dazu bei, dass das Bedürfnis der Textilarbeiterinnen nach Sicherheit und Unversehrtheit nicht erfüllt wird. Oder wenn unser Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit dazu führt, dass Touristenorte von Instagrammern überschwemmt werden (die dann alle das selbe Motiv fotografieren, #scnr) wodurch sich das Bedürfnis der Bewohner nach Ruhe nicht mehr erfüllt.

Und wenn man es noch weiter denkt: Auch die Natur hat Bedürfnisse, gar nicht mal so andere als wir. Zumindest die drei Ebenen physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse und soziale Bedürfnisse finden sich auch bei Tieren und auch Pflanzen haben physiologische und Sicherheitsbedürfnisse. Und wie oft verweigern wir Menschen die Erfüllung dieser Bedürfnisse? Gerade was unser Bedürfnis nach Nahrung angeht, können wir immer wieder die Frage stellen: “Geht es nicht auch anders?” Ja, wir müssen essen. Aber wie viel Fleisch brauchen wir wirklich, um unseren Körper gesund zu erhalten? Wie viel Zucker? Wie viel Fett? Die Anzahl der Ratgeber zum Thema Essen und Abnehmen verwirrt dabei noch eher als wirklich darüber aufzuklären, welche Nahrungszusammensetzung unser Körper braucht.

Die kleine Frage “Was brauchst du?” hat es also in sich. Brauchen wir etwas oder wollen wir etwas? Sind wir uns unserer Bedürfnisse überhaupt bewusst? Suchen wir die Antwort überhaupt auf der richtigen Bedürfnisebene? Können wir immer bekommen, was wir brauchen, weil die Bedürfnisse der anderen im Weg stehen oder wir ansonsten die Bedürfnisse der anderen missachten? Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen?

Trotzdem sollten wir nicht aufhören uns diese Frage zu stellen. Weil sie dabei hilft, den eigenen Platz zu bestimmen, die eigene Position zu finden, Grenzen zu setzen und sich nicht den Bedürfnissen der anderen unterzuordnen.

Wenn wir uns fragen: “Was brauchst du?” geht es immer auch um das Gleichgewicht zwischen Bedürfnissen und Verantwortung. Und das kann schwer zu halten sein.

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Erschöpfung

Auf Instagram habe ich ja einen kurzes Video aus “Sun and Sea (Marina)”, dem litauischen Siegerbeitrag der diesjährigen Biennale in Venedig eingestellt.

Mein Lieblingslied war aber nicht das, das im Video lief, sondern dieses hier, gesungen von einem wunderbaren Bariton:

SONG OF EXHAUSTION. WORKAHOLIC’S SONG

I really don’t feel that I can let myself slow down,
Because my colleagues will look down on me.
They’ll say I have no strength of will.
And I’ll become a loser in my own eyes.
Exhaustion, exhaustion, exhaustion, exhaustion…
Exhaustion, exhaustion, exhaustion, exhaustion…
Exhaustion – I like to say it as a joke –It’s like a mammoth,
A nonexistent creature, gone extinct.
Encyclopedias have it,
But in life – a thing you’ll never meet.

An opera-performance by Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė, Lina Lapelytė
Texts: Vaiva Grainytė, translated from Lithuanian by Rimas UžgirisMusic and musical direction: Lina Lapelytė
Direction and scenography: Rugilė Barzdžiukaitė

Erste Male – Venedig und die Vogalonga

Ich habe Venedig gesehen, diesen wahnwitzigen Traum einer Stadt auf dem Wasser.

Eigentlich hatte es mich nie besonders dorthin gezogen, ich dachte immer, ja, es wäre schön, mal irgendwann dorthin zu kommen. Aber wirklich hoch auf meiner Reiseziel-Rangliste stand es nie.

Aber dann ergab sich die Gelegenheit, mit meinem Ruderverein, der FRGO aus Frankfurt, an der Vogalonga teilzunehmen. Die Vogalonga ist eine Boots-Demonstration gegen den motorisierten Schiffsverkehr, auch, aber nicht nur gegen die großen Kreuzfahrtschiffe. An der Vogalonga nehmen nur muskelkraftbetriebene Boote teil: Ruderboote, Kanus, Gondeln natürlich, Wasserfahrräder, Drachenboote, Stehpaddler, alle unterwegs auf der 30 km langen Route. Die diesjährige Vogalonga war schon die 45., so lange ist der motorisierte Schiffsverkehr also schon Thema – und grundlegend geändert hat sich bisher nichts. Aber vielleicht führt ja die Kollision eines Kreuzfahrtschiffs mit einem Touristenboot zu einem Umdenken.

Venedig vom Wasser her mit einem Kreuzfahrtschiff direkt davor
Das ist nicht das kollidierte Kreuzfahrtschiff, aber so ein Anblick ist leider typisch.

Angereist sind wir schon acht Tage vor der Vogalonga und hatten so schon Gelegenheit, die Stadt und die Lagune kennenzulernen. Und ja, Venedig und die anderen Inseln sind ein Traum, ein Klischee natürlich, gleichzeitig prachtvoll und schäbig, überfüllt und verträumt, billig und edel. Die Türme auf den Inseln sieht man noch aus weiter Entfernung, viele stehen auf dem weichen Untergrund schief, wenn auch nicht alle so schief, wie der Turm auf Burano, der Insel mit den bunten Häusern.

Ein typischer Ausblick in der Lagune
Die Insel Burano
Burano mit seinen bunten Häusern und dem schiefen Kirchturm

Anders unterwegs

Wenn man in Venedig selbst oder den Inseln wie Burano oder Murano unterwegs ist, ist vieles anders: Man muss sich darauf einstellen, nicht immer den direkten Weg gehen zu können. Zuerst muss man die nächste Brücke finden, die einen über den nächsten Kanal bringt. Dafür kann man von Autos ungestört zu Fuß gehen, der Verkehr findet ja fast nur auf dem Wasser statt. (Nur da, wo es Straßen zum Festland gibt, fahren Autos, wo es keine gibt, ist der Handkarren das Land-Transportmittel der Wahl.) Ansonsten sind die Menschen auf Gondeln, Wassertaxis und den Vaporetti – den Wasserbussen – oder eigenen Booten unterwegs. Gerade viele junge Männer nutzen ihre Motorboote auch, um anzugeben und/oder Frauen zu beeindrucken. Aber auch wer ins Krankenhaus muss, wird mit dem Boot gebracht. Und auch, wer gestorben ist. Denn auch der Friedhof ist eine Insel.

Auf Booten transportiert werden aber auch Baumaterialien, Koffer von Hotelgästen, der Müll und einmal sogar zwei Panzer, leider ist das Foto dazu unscharf geworden.

Ein Krankentransportboot
Die Friedhofsinsel San Michele
Die Müllabfuhr

Es ist ein ganz anderes unterwegs sein, wenn man Boote braucht, um von a nach b zu kommen. Unser Campingplatz war auf Cavallino, einer Halbinsel, die die Lagune zur Adria abgrenzt. Also waren wir auf die Vaporetti angewiesen, wenn wir nach Venedig und die anderen Inseln wollten. Gleich bei der ersten Fahrt bin ich in eine behagliche Ferienfaulheit gefallen und habe mich in die Ausblicke um mich herum verliebt. Die Einheimischen beachten die Schönheit um sich herum allerdings nicht mehr jedes Mal, sondern sind oft vertieft ins Handy, die Zeitung oder lernen für die Schule.

Es ist auch etwas Besonderes, jemanden vom Bootsableger abzuholen, gerade abends, wenn die Boote hellerleuchtet aus der Dunkelheit auftauchen und man vom Auto aus unter den vielen Ankommenden nach denen sucht, auf die man wartet. (Und nochmal Entschuldigung an F. und J., die das dunkle Auto auf dem dunklen Parkplatz erst gar nicht gesehen haben).

Die Lagune

Venedig gibt es nicht ohne die Lagune mit ihrem flachen Wasser, Grasinseln und Sandbänken, mit den vielen Vögeln und dieser unglaublichen Weite, diesem hohen blauen Himmel. Mit einer Sandbank haben wir unliebsame Bekanntschaft gemacht – da mussten wir dann das Boot ziehen und tragen. Wir sind auf mehreren Touren durch die Lagune gerudert, haben uns im engen Kanal von Torcello mit unseren breiten Ruderbooten bei den Einheimischen unbeliebt gemacht, haben eine Pause in einem Bootswrack gemacht und eine andere bei einem Haus, das auf einem Bootsrumpf stand.

Dieses Boot ist lange nicht mehr gefahren

Das hier auch nicht, aber jetzt dient es als Fundament dieses Hauses

Auf der Adria, immer die Küste lang

Und wir haben Cavallino umrundet, von den Canottieri Treporti aus, wo wir unsere Boote eingestellt haben, an der Seite zur Lagune hin bis zur Marina di Cavallino, wo wir die Adriaseite erreichten, dann dort direkt an der Küste entlang, bis wir bei am Ende der Halbinsel wieder auf die Lagunenseite und zurück zum Ausgangspunkt kamen. Diese Tour war nur an diesen einem Tag möglich, an den anderen Tagen war das Wasser zu rauh für unsere Boote. Aber auch so war es zum Teil ein ordentliches Auf und Ab. Und am Abend meinte mein Körper immer noch, er würde rudern, alles schien immer noch zu schaukeln.

Bei den Pausen am Strand haben wir dann noch einen neuen Bootstyp kennen gelernt: Die Lebensretter am Strand haben Rettungs-Gondeln, die genau wie die großen Gondeln in Venedig gerudert werden, mit dem Schub vorwärts. Dazu ergab sich ein lustiges Gespräch mit einem Lebensretter an einem Strand, an dem wir für eine Pause anlegten. Ich erzählte, dass wir zum Rudern nach Venedig gekommen seien und für die Vogalonga. Er machte mit den Armen eine Bewegung nach vorne, als würde er seine Rettungs-Gondel fahren. Ich antwortete: “Nein, nein, wir machen es so!” – und machte dieselbe Bewegung andersherum, mit den Armen zum Körper.

Unsere Boote am Adriastrand

Eine venezianische Rettungs-Gondel

Die Vogalonga – rudere lang

Und dann natürlich die Vogalonga. Wir waren mit drei Booten dabei und mussten erst mal eine Stunde rudern um überhaupt nach Venedig zu kommen. Mein Boot erreichte den Startbereich im Bacino di San Marco erst kurz vor neun. Dann fiel pünktlich der Startschuss, der mit einem lauten Jubelschrei beantwortet wurde. Wir haben uns an der Seite gehalten und nach dem Startschuss erst alle vorbeigelassen, die es eilig hatten. Dann haben wir uns eingereiht, voll genug war es immer noch, und ich hatte eine gute Gelegenheit, steuern zu üben.

Die Vogalonga geht durch die Lagune bis hoch nach Burano, dann an Murano vorbei wieder nach Venedig. Dort kommt am Canale di Canareggio erst mal das Nadelöhr oder “der Pfropf”, dort ist es zu eng, dass alle gleichzeitig in den Kanal einfahren können, also regelt die Wasserschutzpolizei, wie viele Boote durch dürfen. Und bevor man durch kann, muss man gut aufpassen, dass sich die Boote nicht ineinander verhaken oder man den anderen im Weg rumsteht. Aber wir waren alle spät dran, da war niemand von sportlichem Ehrgeiz getrieben – und so war die Stimmung trotz der Enge ziemlich entspannt. Eine Niederländerin wollte uns sogar eine von den Tulpen schenken, mit denen ihr Boot dekoriert war. Aber die wäre ja hin gewesen, bis wir zurück waren, also habe ich dankend abgelehnt.

Tulpen – vielleicht aus Amsterdam

So sieht es aus, wenn nichts mehr geht

Etwas später kommt dann noch die Ponte di Tre Archi, dort sind Taucher im Wasser, die verhindern sollen, dass sich Boote querstellen oder gegen die Brücke fahren. Sie sehen aus wie große orangene Playmobilmännchen mit Helm. Den Helm tragen sie sicher nicht ohne Grund, ich will mir nicht vorstellen, wie viele Ruder oder gar Boote sie mehr oder weniger knapp verfehlen.

Und dann der Canale Grande. Es war eine fast feierliche Stimmung, die ganze Pracht an den Ufern, die Menschen, die uns von den Ufern angefeuert haben – am meisten allerdings die Boote, die eine Flagge mit “No grande navi” (“Keine Kreuzfahrtschiffe”) dabei hatten. Die Rialto-Brücke in ihrer Schönheit und die bescheidenere Accademia-Brücke, beide auch voller Menschen – es war so wunderbar, dass ich mir die Tränen verkneifen musste.

Die Rialto-Brücke

Die Accademia-Brücke, diesmal von Land

Von Start-Schuss zu Schluss-Schuss

Um 14:57 hörten wir dann die Ansage: “Noch drei Minuten, dann ist die diesjährige Vogalonga vorbei”, aber da waren wir dann auch im Zielbereich an San Marco angekommen und unterwegs zu den Pavillons, von denen aus uns die Medaillen und die Urkunden ins Boot geworfen wurden. Dann mehrere Böllerschüsse, wieder von Jubel begleitet. So hat meine erste Vogalonga genau die sechs Stunden gedauert, die wir Zeit hatten, vom Start-Schuss zum Schluss-Schuss. Da bekam das Wort Vogalonga – eine Mischung aus Rudern und lang – noch mal eine besondere Bedeutung. Anschließend machten wir eine Pause bei den Canottieri Querini, einem altehrwürdigen Verein, inklusive eines Blicks in das wunderschöne Bootshaus. Kurz davor schwappte uns noch eine riesige Welle ins Boot, also musste erstmal Wasser geschöpft werden. Dann nach einer weiteren Stunde Rückweg waren wir gegen 17:30 Uhr als letztes Boot zurück. Alle platt, mit tauben Hintern – aber glücklich.

Erste Male
Ich habe Venedig gesehen.
Ich bin auf der Adria gerudert.
Ich bin durch den Canale Grande gefahren.

Am Anfang

Wir trennen statt zu verbinden. Wir entfremden uns – von uns selbst, von anderen, von der Umwelt. Wir wägen keine Bedürfnisse ab, stattdessen setzen die Mächtigen sich durch. Wir denken kurzfristig, nicht in langen Zeiträumen, begreifen die Konsequenzen unseres Handelns nicht. Wir trennen Menschen, nach Alter, nach Geschlecht, nach Herkunft, nach Gesundheit, nach Leistungsfähigkeit und legen an die einzelnen Gruppierungen unterschiedliche Wertmaßstäbe an. Wir zerstören Lebensräume von Tieren und Pflanzen, und wenn es so weitergeht, auch unseren eigenen Lebensraum.

Wir haben das Maß verloren. Alles, was geht, wird gemacht. Aber wozu eigentlich? Wozu muss es immer mehr von allem sein, mehr Gewinn, mehr Konsum, mehr Besitz?

Und macht uns das alles eigentlich wirklich zufrieden?

Wir brauchen vertrauensvolle, verlässliche Verbindungen: zu uns selbst, zu anderen, zu unserer Umwelt. Und was man dafür tun kann, um diese Verbindungen (wieder) herzustellen – das ist das Thema dieses Blogs.