Tag 15 – Wann ist wieder Schule?

Das wird hier der allgemeine Stoßseufzer: Wann ist wieder Schule? Ich will wieder in die Schule! Wann gehen sie endlich wieder in die Schule? Offiziell ist ja nur noch eine Woche bis zu den Osterferien, aber ich befürchte, dass es auch für diese Zeit Aufgaben geben wird.

Heute war jedenfalls der erste Tag, an dem hier die Nerven blank lagen. Ein Kind verbrachte 90% seiner Lernzeit mit Nölen. Die Situation eskalierte dann punktgenau drei Minuten bevor das andere Kind mit seiner Klasse und einem Lehrer eine Videokonferenz hatte. Ich fand das super, der Lehrer macht sich die Mühe, richtet Zugänge ein und was passiert: Irgendwelche Hanseln aus ihrer Klasse sabotierten die Videokonferenz, indem sie laute Musik einspielten! (Die habe ich sogar noch eine Etage tiefer gehört). Sowas wie ein Unterrichtsgespräch war da nicht mehr möglich. Sowas ist einfach nur unsolidarisch und um es weniger höflich auszudrücken: Scheiße! (Über solche Situationen habe ich übrigens noch nichts gelesen, wenn es um Digitalisierung von Schule geht). Nach dem gescheiterten Versuch gab es eine völlig frustrierte Tochter, die ihre Fragen nicht los geworden war und eine zu Recht ärgerliche Mail des Lehrers.

So langsam nervt die Situation hier wirklich. Ich habe noch nie gerne mit meinen Kindern Hausaufgaben gemacht, weil die Situation oft eskalierte. Und jetzt muss ich für das eine Kind Gouvernante spielen, was ich gar nicht leiden kann und das andere Kind trösten, das jetzt mit den Aufgaben wieder alleine klarkommen muss. Ich bin keine Lehrerin und den Kindern fehlt einfach der direkte Austausch, aber auch die Struktur, die die Lehrer*innen und die Schule vorgeben.

Mir hat’s dann einfach gereicht und ich habe meine Todo-Liste für heute über den Haufen geschmissen und mich mit dem frustrierten Kind mit einem Stück Kuchen vor den Fernseher gesetzt und mich über schief angebrachte Schrankknöpfe bei Shopping Queen totgelacht. (Nein, Niveauansprüche habe ich heute keine). Das tat gut. Aber so bleiben kann es nun mal auch nicht.

Ich habe hier zwar theoretisch viel Zeit, praktisch komme ich aber zu gar nichts. Das eine Kind zu den Aufgaben treiben, die es in 30 statt 90 Minuten erledigen könnte, wenn es denn wollte. Beim anderen Kind feststellen, wo ich wieder nicht helfen kann, was mich selbst auch frustriert. Nebenher versuche ich, meine eigene Todo-Liste abzuarbeiten, kann mich aber kaum darauf konzentrieren. Und der Haushalt wartet auch noch. Und abends habe ich das Gefühl, nichts geschafft zu haben.

Es nervt. Und wenn ich daran denke, dass das nach den Osterferien so weiter gehen könnte, wird es mir echt ganz anders.

Tag 9 – Ein bisschen was zu Medienkompetenz

Am Wochenende bekam ich das Interview von Eva Herman mit Wolfgang Wodarg über WhatsApp zugeschickt. Ich antwortete daraufhin mit einigen Links zu den Hintergründen beider Personen und der Bitte, sich doch gerade jetzt dringend zu überlegen, was man weiterleitet. Die Reaktion des Absenders: komplettes Unverständnis. Auf irgendeine verquere Weise hatte diese Person es damit gut gemeint, dieses Interview weiterzuleiten, weil sie darin sogar etwas Positives für uns alle zu finden meinte. Außerdem sei Wodarg ja Arzt und damit Wissenschaftler, also stimme das wohl schon, was er da so schreibt.

Und damit stecke ich in einer argumentativen Falle, denn wenn ich wiederum geantwortet hätte : “Auch Ärzte können Blödsinn reden.” kann diese Person mit Recht sagen, dass das dann ja auch für das Robert-Koch-Institut gelten könne. Und ich habe es dann schwer, zu begründen, warum die eine Information unseriös bis gefährlich ist und die andere seriös.

Und damit sind wir beim Thema Medienkompetenz. Nach dieser Diskussion habe ich mal meine Diplomarbeit rausgekramt, die hat nämlich auch das Thema Medienkompetenz, allerdings bezogen auf das Feld der Erwachsenenbildung. Die Arbeit ist von 2002, im Grunde fast noch zu früh, denn die Sozialen Medien gab es da noch gar nicht. Auch die Themen Hate Speech und Fake News waren allenfalls zu erahnen.

Aber auch damals galt schon, dass Medienkompetenz es einerseits erlaubt, mit der Entwicklung von Medien Schritt zu halten und diese gleichzeitig kritisch zu reflektieren.

Eine medienkompetente Person kann also:

  • die Geräte bedienen, durch die sie Zugang zum Medienangebot bekommt. Das fängt also im Grunde damit an, lesen zu können. Aber natürlich gehört auch dazu, PCs und Smartphones bedienen zu können, sowie die Programme und Apps, die darauf installiert sind.
  • die Inhalte nicht nur passiv aufnehmen, sondern auch aktiv nutzen, angefangen bei E-Mails und WhatsApp bis hin zum Betreiben des eigenen Youtube-Kanals. Wie intensiv man welches Medium nutzt, ist natürlich jede*m selbst überlassen.
  • die angebotenen Inhalte kritisch einordnen und sich als aktiver Nutzer*in sozialkompetent verhalten. Dazu gehört im weitesten Sinne, erkennen zu können, welche Interessen hinter einem Beitrag stehen aber auch, selbst andere nicht zu beleidigen oder fragwürdige Informationen zu verbreiten. Hierzu gehört auch der Umgang mit Hate Speech und Fake News.

Die Person, die mir das Wodarg-Interview weitergeleitet hat, ist also durchaus medienkompetent, wenn es um die ersten beiden Aspekte geht. Mit der kritischen Einordnung hapert es aber gewaltig.

Die Person hätte mir das Interview sicher nicht weitergeleitet, wenn sie gewusst hätte, dass Eva Hermann sich positiv über bestimmte Aspekte des dritten Reichs geäußert hat. Sie hat daher auch nicht darüber nachdenken können, was es über Wodarg aussagt, wenn er sich von ihr interviewen lässt. Und sie hat nicht überprüft, ob die Aussagen von Wodarg denn richtig sind. Aber vielleicht entsprechen sie ja auch ihrem Weltbild, wer weiß? Vielleicht glaubt sie ja auch, dass Wirtschaft, Politik und Pharmaindustrie zu wenig zum Wohl der Menschen handeln und Wodargs Aussagen sind Wasser auf ihre Mühlen. “Siehste, der sagt es auch, und der ist Arzt, der muss es ja wissen.” (Zu Wodargs einzelnen Aussagen sage ich hier jetzt nichts, das haben andere schon gemacht und sicher besser, als ich es hier könnte, z.B. die Seite Correctiv, aber auch der Express aus Köln.)

Die Kompetenz, Inhalte in Medien kritisch zu konsumieren, ist also gar nicht immer so einfach umzusetzen. Google ich nach “Wie erkenne ich Fake News?” bekomme ich lange Listen von Dingen, die ich als Nutzer*in tun muss, was sicher viel erst mal abschreckt.

Was kann ich also als Nutzer*in tun, um nicht auf Fake News hereinzufallen:

  • Informiere dich aus mehreren Quellen. Die sozialen Medien und auch die Suchmaschinen sind leider gut darin, Filterblasen zu produzieren, in denen sich Inhalte immer wieder selbst bestätigen und bestärken. Dennoch kann man z.B. die Seiten verschiedener Tageszeitungen nutzen, das Spektrum von taz bis faz und darüber hinaus ist groß. Wenn es um politische Themen geht: Was sagen die verschiedenen politischen Parteien dazu? Es gibt Nicht-Regierungsorganisationen , die sich kompetent zu den verschiedensten Themen äußern. Es gibt das Recherchezentrum Correctiv, das sich u.a. der Förderung von Medienkompetenz verschrieben hat. Speziell zum Thema Fake News empfehle ich den österreichischen Verein Mimikama.at. Die Seite sieht zwar etwas wühlig aus, weil sie werbefinanziert ist, die Informationen haben aber Hand und Fuß.
    (Die Empfehlungen sind auf keinen Fall vollständig, sondern meine subjektive Auswahl)
  • Auf Planet Wissen oder auch dem Faktencheck vom ZDF gibt es konkrete Anleitungen, wie man Fake News (hoffentlich) erkennen kann. Wie gesagt ist das zum Teil ziemlich arbeitsaufwändig.
  • Frage dich: Was für ein Weltbild wird vermittelt? Was sollst du glauben? Ich werde immer skeptisch, wenn eine “wir” gegen “die” – Haltung vermittelt wird. “Wir kleinen Bürger gegen die übermächtige Pharmaindustrie” bis hin zu “Wir rechtschaffenen Deutschen gegen die Flüchtlinge, die unser Sozialsystem ausnutzen”. Wird behauptet, mehr zu wissen als die*er Normalbürger*in? “Geheime Informationen aufgedeckt…!!!” Da ist der Schritt zur Verschwörungstheorie nicht weit. Und mit fundierter Information hat das dann gar nichts mehr zu tun.

Ich persönlich finde den ersten Punkt am wichtigsten, mehrere Perspektiven zu kennen bewahrt uns davor, blind auf jede sensationsheischende Nachricht hereinzufallen.

Und an dieser Stelle noch mal die Bitte: Überlegt bitte drei Mal, was ihr weiterleitet. Nicht nur jetzt, aber gerade jetzt! Vielen Dank!

Tag 6 – Isso. Isso?

Samstag Abend. Gerade war ich zum zweiten Mal draußen, mit meiner jüngeren Tochter, damit sie auch mal rauskommt. Leer war es überall, fast nur Hundebesitzer und nie waren es mehr als drei Menschen gleichzeitig. Seltsam das alles. An der Kita meiner Tochter ein Schild, das zu ist. Düster sieht das Haus und leer.

Ich habe mich noch nicht akklimatisiert, bin noch nicht angekommen in dieser neuen Situation. Einerseits, auf der rationalen Ebene denke ich, wir sind nicht in akuter Gefahr, wie verhalten uns entsprechend der Empfehlungen, waren bisher gesund, kennen niemanden, der in einem Risikogebiet war oder krank ist. Auf der Ebene kann ich sagen: Das ist jetzt halt so, da müssen wir durch, das kriegen wir hin. Und wir kriegen es ja auch hin. Die Kinder haben ihren Schulkram super organisiert und waren wirklich fleißig. Wir haben volle Vorratsschränke, Internet, Fernsehen, Bücher, Musik, Spiele.

Und uns. Uns haben wir.

Andererseits ist da diese ständige Anspannung. Es ist einfach die Veränderung, die anstrengt. Sich neu einstellen zu müssen, sich an neue Regelungen und Begebenheiten gewöhnen, zu sehen, wie sich die Stadt verändert. Geschlossene Läden, selbstgebastelte Übergabestellen für Waren. Menschen, die auf der Straße voreinander ausweichen.

Freunde, die man nicht mehr treffen kann. Hobbys, die fehlen. Mein liebster Chor schreibt schon wehmütige E-Mails, weil wir das Singen vermissen. Und uns.

Das alles ist belastend, einfach, weil es so anders ist. Weil ich mich immer wieder Frage: Ist das jetzt so?

Und das muss sich noch setzen. Deswegen brauche ich auch mal Pausen. Die Medien abschalten. Spaziergänge, langer Mittagsschlaf, bewusste Entspannung, Reden, Bloggen. Damit sich alles setzen kann.

Was ich nicht brauche: virtuelle Begegnungen mit den Eva Hermans und Wodargs dieser Welt. Bitte verschont mich damit. Danke!

Tag 4 – Einkaufen

Gestern musste ich ein paar Kleinigkeiten besorgen, in der Drogerie und im Supermarkt. Vorher noch schnell zur Bank, etwas Geld holen. In der Bank waren um jeden Schalter Abstandhalter gebaut, an den Wänden die Bitte, wenn möglich Online-Banking zu machen und nicht zur Bank zu kommen, wenn man sich krank fühlt. Ich hab am Automaten Geld geholt und bin weiter. An der Apotheke vorbei: “Bitte betreten Sie die Apotheke nur einzeln.” Bäcker 1 hat offen inkl. Café-Bereich, an den Tischen wie immer Leute. Bäcker 2 dasselbe.

In der Drogerie war es relativ leer. Einige Regale auch, natürlich die mit Desinfektionsmittel und Seife, bei der Seife der Hinweis, das man die nur in haushaltsüblichen Mengen kaufen darf. Es lagen aber eh nur noch drei Stück da. Shampoo war auch viel weg. Was ich brauchte, habe ich aber bekommen.

Vor dem Supermarkt ist Bäcker 3. Hier war der Café-Bereich zu, die Glaswände waren so weit wie möglich geschlossen, sodass sich nur eine Schlange bilden konnte. Im Supermarkt war auch relativ wenig los. Eier waren komplett ausverkauft. Wachteleier hätte ich haben können und bunte Ostereier. Und bei den Nudeln war wieder gähnende Leere. Und bei den Tomatensaucen natürlich.

Der Buchladen hat geschlossen – um den mache ich mir Sorgen. Ein kleiner, feiner Buchladen mit einer tollen Auswahl. Keine Kette, inhabergeführt von zwei Schwestern. Außen am Schaufenster der Hinweis, dass sie weiter erreichbar seien, dass man weiter bestellen könne. Bestellte Bücher werden täglich zwischen 16 und 19h am Laden übergeben oder nach Hause geliefert. Ich hoffe so sehr, dass sie durchhalten.

Nebendran das Eiscafé. Kein Service am Tisch, nur an der Theke. Drinnen keine Tische mehr, draußen schon. Auf dem Boden schwarz-gelbe Streifen, damit die Kunden Abstand halten. Das funktioniert auch, allerdings sitzen dann doch wieder Personen in Gruppen an den Tischen. So war das nicht gedacht glaube ich. Ich hole mir auch einen Kaffee, setze mich dann aber so weit wie möglich von den anderen weg. Selbst das fühlt sich komisch an.

Auf dem Heimweg dann am Bücherschrank ein Hinweis auf Nachbarschaftgruppen, organisiert nach Stadtteilen. So was freut mich.

Zu Hause treffe ich dann einen Nachbarn. Mit dem neuen Standardabstand von zwei Metern unterhalten wir uns. Er ist ab sofort von der Arbeit freigestellt, ohne Möglichkeit des Homeoffice. Erst mal für einen Monat, vielleicht auch länger. Er sieht nicht begeistert aus, für ihn ist das wirklich Zwangsurlaub.

So viele Veränderungen. Hoffentlich bewirken sie was.

Tag 3 – Ruhe aushalten

Auf Instagram fand ich ein Gedicht mit dem Titel “Pandemie“. Es beginnt so:

“What if you thought of it
as the Jews consider the Sabbath –
the most sacred of times.
Cease from travel.
Cease from buying and selling.
Give up, just for now,
on trying to make the world
different than it is.”

“Was wenn du es betrachtest
wie die Juden den Sabbat –
als heiligste Zeit.
Verzichte aufs Reisen.
Verzichte aufs Kaufe und Verkaufen.
Gib es auf, nur jetzt,
die Welt anders machen zu wollen
als sie ist.”

Das ist eine Hoffnung, die jetzt oft geäußert wird: das wir zu uns selber finden, dass wir mehr darauf achten, was wir wirklich wollen und brauchen. Aber gleichzeitig kann es ganz schön schwer sein, mit der Ruhe, mit sich selbst umgehen zu müssen.

Ich musste heute morgen an einen Kurs für Wiedereinsteigerinnen in den Beruf denken, in dem ich mal unterrichtet habe. Es ging um Kommunikation und darum, dass jede*r die Umgebung/Umwelt anders wahrnimmt. Dazu sollten die Teilnehmerinnen drei Minuten lang schweigen und sich nur auf den Raum um sich konzentrieren. Prompt bekam eine Teilnehmerin einen Hustenanfall, der genau drei Minuten dauerte. Und alle fanden drei Minuten Schweigen furchtbar lang.

Später habe ich an einer Berufsschule gearbeitet. Da fiel mir auf, dass die Schüler*innen sich bei Einzelarbeit besser konzentrieren konnten, wenn sie gleichzeitig Musik über den Kopfhörer hören durften. Nur die Aufgabe und sie, dass war komischerweise schwieriger als die Aufgabe, die Musik und sie. Ja, ich höre teilweise auch Musik beim Arbeiten, aber ich kann auch das andere, das was in der Schule passenderweise Stillarbeit heißt.

Mein Eindruck ist, dass es vielen immer schwerer fällt, nur eine Sache zur Zeit zu machen. Das ist es, was mich auch oft am öffentlichen Handygebrauch stört. Wenn ich den Eindruck habe, dass es nur darum geht, keinen Leerlauf aufkommen zu lassen, weder bei einer zehnminütigen U-Bahn-Fahrt, z.T. noch nicht mal bei den alltäglichen Wegen zu Fuß.

Das Internet und die Handys bleiben uns ja zum Glück erhalten. Darüber bin ich auch froh darüber, nicht nur, weil ich beides brauche um mit anderen Menschen wegen verschiedener Dinge Kontakt zu halten. Und nur dank des Internets gibt es die Ausweichmöglichkeit Homeoffice überhaupt, die gerade so viele nutzen.

Aber was würden wir tun, wenn beides wegfiele? Wenn wir z.B. wieder auf dem technischen Stand meiner Kindheit wären? Nur öffentlich-rechtliches Fernsehen, Festnetztelefon und die CD war gerade der neueste Schrei. Ich habe so gelebt und ich habe damals nichts vermisst. Heute würde mir viel fehlen, alles andere wäre gelogen. Diese schnelle Verfügbarkeit von allem, das ganz besonders.

Und wenn wir noch weiter zurückgehen, könnten wir so leben, wie im 19. Jahrhundert. Wo man Briefe schrieb oder sich persönlich aufsuchte, um seine Angelegenheiten zu regeln? Und zur Unterhaltung hatte man Zeitungen, Bücher, Geschichten, Lieder und Gespräche.

In Filmen und Geschichten aus/über diese Zeiten wirkt das immer so idyllisch und romantisch. Aber die Welt war auch viel kleiner, man wusste weniger, man hatte weniger Möglichkeiten, Informationen zu überprüfen. Klatsch und Tratsch gab es genauso wie heute. Aber ich vermute, die Menschen waren weniger zerstreut als heute.

Ich glaube, insgesamt gefällt mir unsere jetziges Leben besser. Aber jeden Tag ein bisschen Ruhe, ein bisschen Sabbat, das täte uns allen gut.


Tag 2 – Ungewohnt

Gerade lag ich auf dem Sofa, eingewickelt in meine graue Decke, habe tief durchgeatmet, darauf geachtet, wie es mir eigentlich geht. Irgendwie schon etwas geschockt, heute sehr gestresst. Es waren gefühlt 45 Dinge zu regeln, ganz unterschiedliches. Irgendwann musste ich einfach mal raus. Luft holen, mal wieder weiter blicken als nur bis zur nächsten Wand. Den schönen Abendhimmel betrachten, den Feldberg sehen, den Duft der blühenden Pflanzen riechen. Das hört ja nicht auf, das es Frühling wird.

Wenn man uns so in unserem Alltag sieht, sieht eigentlich alles ganz normal aus. Es fühlt sich aber schon ziemlich anders an. Innerhalb weniger Tage hat sich ein Gefühl verändert. Es fühlt sich für mich merkwürdig an, wenn im Radio “normale” Werbung läuft, so als würde das gerade nicht mehr passen. Andererseits brauche ich auch mal eine Pause von den andauernden Nachrichten-Updates.

Ungewohnt das alles. Alles muss sich noch setzen. Wir organisieren unseren Alltag neu. Es sind ja eigentlich keine Ferien. Die Schulen meiner Kinder stellen Arbeitsmaterialien zur Verfügung, meine Ältere hat sogar Aufgaben für Sport! Ich bin in ihrer Klasse Elternbeirätin, über mich schickt die Schule Nachrichten für die Eltern in der Klasse. Oft genug finde ich die Mails, die ich so weiterleite, selbst nicht so spannend. Momentan ist es aber wichtig, dass alle alle Informationen bekommen. Eine Mutter hat sich bei mir auch schon bedankt, was mich sehr gefreut hat.

Alles wird sich noch setzen, ganz sicher. Irgendwann ist diese Situation auch irgendwie normal und vielleicht ist es dann komisch, in die alte Normalität zurückzugehen. Wer weiß, was wir mitnehmen aus diesen Wochen. Vielleicht werden Gewohnheiten, die wir erst nur übergangsweise übernommen haben, dauerhaft bleiben. Was ich jetzt schon oft lese, höre und auch selber wünsche ist: “Bleib(t) gesund!” Und das wünsche ich euch natürlich auch.

Tag 1 – 1986 und heute

Meine Kinder und ich sind heute den ersten Tag gemeinsam zu Hause. Wegen Corona. Es fühlt sich alles noch etwas ungewohnt an. Auch den Kindern ist bewusst, dass das keine normalen Ferien sind. Das, was wir jetzt erleben ist neu, seltsam und, ja, auch bedrohlich, auch wenn ich diese Bedrohung für mich und meine Familie als nicht akut wahrnehme.

In meinem Leben ist es das zweite Mal, dass ich eine Lage als so einschneidend, als so verändernd wahrnehme. 1986, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass etwas grundlegend anders ist. Ich weiß noch, dass ich damals in den Regen kam, nass wurde – und der Regen konnte ja radioaktiv verseucht sein. Für diesen Fall wurde empfohlen, zu duschen oder zu baden. Also badete ich. Meine Mutter sagte: “Und das soll man einfach so abwaschen können…”. Ich weiß nicht, ob mein Bad einen Unterschied gemacht hat.

Im Unterschied zu heute war das Verhalten der einzelnen Menschen aber nicht so von Bedeutung wie heute. Niemand war “schuld”, alle gleichermaßen Betroffene. Eine Zeitlang blieben die Spielplätze leer, niemand aß mehr Pilze oder Wildschwein. An viel mehr kann ich mich aber nicht erinnern.

Heute kommt es viel mehr auf uns alle an. Es gibt zwar auch heute keinen “Verursacher”, auch heute ist niemand “schuld”. Aber jede*r kann theoretisch krank werden oder das Corona-Virus weitergeben. Deswegen zählt es, was jede*r von uns tut.

Unser Umgang mit der Corona-Krise zeigt mal wieder beides, das Potenzial zum Guten im Menschen und zum Egoismus, zur Leichtgläubigkeit und zur Schwarmdummheit.

Einerseits gibt es unzählige Hilfsangebote für alte Nachbarn. Einerseits gibt es Menschen, die über Hinterhöfe und Straßen hinweg gemeinsam singen oder von den Balkonen herunter für die Hilfs- und Rettungskräfte applaudieren.

Und dann gibt es die, die in Krankenhäusern Desinfektionsmittel klauen (bitte beliebiges Schimpfwort einfügen) und sich in Drogerien mit der Kassiererin streiten, weil sie keine Wagenladungen Klopapier kaufen dürfen. Die Fake-News verschicken.

Kurz bevor die offiziellen Meldungen kamen, dass die Schulen geschlossen würden, erhielt ich zweimal dieselbe WhatsApp mit offiziellen Informationen vom Bildungsministerium. Die Schulen würden geschlossen, inkl. Regelungen für die verschiedenen Jahrgänge. Es gibt ein Bildungsministerium auf Bundesebene, das hat aber keine Kompetenz, Schulen zu schließen. Bildung ist in Deutschland Ländersache und auf Länderebene heißt das zuständige Ministerium Kultusministerium. Aber darauf achtet halt nicht jeder, der solche Nachrichten verschickt.

Zweites Beispiel: die Nachricht, Ibuprofen würde schwere Verläufe von Corona verschärfen. Ebenfalls Fake, aber jetzt müssen die seriösen Institutionen im Gesundheitssektor Zeit damit verbringen, diesen Irrtum aufzuklären.

1986, bei Tschernobyl, gab es noch kein Internet, keine sozialen Medien. Auch damals hatten alle den Wunsch nach verlässlichen Informationen, nach Handlungsanweisungen, nach Sicherheit und Kontrolle. Aber man hatte viel weniger Informationsquellen. Vielleicht war das auch gut so, ich weiß es nicht. Internet und soziale Medien machen es sowieso schon schwer, seriös von fake zu unterscheiden und angesichts einer Krise wächst auch bei einigen die Leichtgläubigkeit.

Also bitte bewahrt auch in der Gerüchteküche Hygiene. Diese geniale Formulierung ist nicht von mir, sondern Thomas Kaspar von der Frankfurter Rundschau, der dazu auruft, abzuwarten, abzuwägen und nicht alles zu teilen, was einem so aufs Handy gespült wird. Dem kann ich mich nur anschließen.

Und ich würde mich freuen, wenn wir nach alldem stolz darauf sein könnten, wie wir die Krise gemeistert haben. Nämlich voller Menschlichkeit.