Erste Male – Venedig und die Vogalonga

Ich habe Venedig gesehen, diesen wahnwitzigen Traum einer Stadt auf dem Wasser.

Eigentlich hatte es mich nie besonders dorthin gezogen, ich dachte immer, ja, es wäre schön, mal irgendwann dorthin zu kommen. Aber wirklich hoch auf meiner Reiseziel-Rangliste stand es nie.

Aber dann ergab sich die Gelegenheit, mit meinem Ruderverein, der FRGO aus Frankfurt, an der Vogalonga teilzunehmen. Die Vogalonga ist eine Boots-Demonstration gegen den motorisierten Schiffsverkehr, auch, aber nicht nur gegen die großen Kreuzfahrtschiffe. An der Vogalonga nehmen nur muskelkraftbetriebene Boote teil: Ruderboote, Kanus, Gondeln natürlich, Wasserfahrräder, Drachenboote, Stehpaddler, alle unterwegs auf der 30 km langen Route. Die diesjährige Vogalonga war schon die 45., so lange ist der motorisierte Schiffsverkehr also schon Thema – und grundlegend geändert hat sich bisher nichts. Aber vielleicht führt ja die Kollision eines Kreuzfahrtschiffs mit einem Touristenboot zu einem Umdenken.

Venedig vom Wasser her mit einem Kreuzfahrtschiff direkt davor
Das ist nicht das kollidierte Kreuzfahrtschiff, aber so ein Anblick ist leider typisch.

Angereist sind wir schon acht Tage vor der Vogalonga und hatten so schon Gelegenheit, die Stadt und die Lagune kennenzulernen. Und ja, Venedig und die anderen Inseln sind ein Traum, ein Klischee natürlich, gleichzeitig prachtvoll und schäbig, überfüllt und verträumt, billig und edel. Die Türme auf den Inseln sieht man noch aus weiter Entfernung, viele stehen auf dem weichen Untergrund schief, wenn auch nicht alle so schief, wie der Turm auf Burano, der Insel mit den bunten Häusern.

Ein typischer Ausblick in der Lagune
Die Insel Burano
Burano mit seinen bunten Häusern und dem schiefen Kirchturm

Anders unterwegs

Wenn man in Venedig selbst oder den Inseln wie Burano oder Murano unterwegs ist, ist vieles anders: Man muss sich darauf einstellen, nicht immer den direkten Weg gehen zu können. Zuerst muss man die nächste Brücke finden, die einen über den nächsten Kanal bringt. Dafür kann man von Autos ungestört zu Fuß gehen, der Verkehr findet ja fast nur auf dem Wasser statt. (Nur da, wo es Straßen zum Festland gibt, fahren Autos, wo es keine gibt, ist der Handkarren das Land-Transportmittel der Wahl.) Ansonsten sind die Menschen auf Gondeln, Wassertaxis und den Vaporetti – den Wasserbussen – oder eigenen Booten unterwegs. Gerade viele junge Männer nutzen ihre Motorboote auch, um anzugeben und/oder Frauen zu beeindrucken. Aber auch wer ins Krankenhaus muss, wird mit dem Boot gebracht. Und auch, wer gestorben ist. Denn auch der Friedhof ist eine Insel.

Auf Booten transportiert werden aber auch Baumaterialien, Koffer von Hotelgästen, der Müll und einmal sogar zwei Panzer, leider ist das Foto dazu unscharf geworden.

Ein Krankentransportboot
Die Friedhofsinsel San Michele
Die Müllabfuhr

Es ist ein ganz anderes unterwegs sein, wenn man Boote braucht, um von a nach b zu kommen. Unser Campingplatz war auf Cavallino, einer Halbinsel, die die Lagune zur Adria abgrenzt. Also waren wir auf die Vaporetti angewiesen, wenn wir nach Venedig und die anderen Inseln wollten. Gleich bei der ersten Fahrt bin ich in eine behagliche Ferienfaulheit gefallen und habe mich in die Ausblicke um mich herum verliebt. Die Einheimischen beachten die Schönheit um sich herum allerdings nicht mehr jedes Mal, sondern sind oft vertieft ins Handy, die Zeitung oder lernen für die Schule.

Es ist auch etwas Besonderes, jemanden vom Bootsableger abzuholen, gerade abends, wenn die Boote hellerleuchtet aus der Dunkelheit auftauchen und man vom Auto aus unter den vielen Ankommenden nach denen sucht, auf die man wartet. (Und nochmal Entschuldigung an F. und J., die das dunkle Auto auf dem dunklen Parkplatz erst gar nicht gesehen haben).

Die Lagune

Venedig gibt es nicht ohne die Lagune mit ihrem flachen Wasser, Grasinseln und Sandbänken, mit den vielen Vögeln und dieser unglaublichen Weite, diesem hohen blauen Himmel. Mit einer Sandbank haben wir unliebsame Bekanntschaft gemacht – da mussten wir dann das Boot ziehen und tragen. Wir sind auf mehreren Touren durch die Lagune gerudert, haben uns im engen Kanal von Torcello mit unseren breiten Ruderbooten bei den Einheimischen unbeliebt gemacht, haben eine Pause in einem Bootswrack gemacht und eine andere bei einem Haus, das auf einem Bootsrumpf stand.

Dieses Boot ist lange nicht mehr gefahren

Das hier auch nicht, aber jetzt dient es als Fundament dieses Hauses

Auf der Adria, immer die Küste lang

Und wir haben Cavallino umrundet, von den Canottieri Treporti aus, wo wir unsere Boote eingestellt haben, an der Seite zur Lagune hin bis zur Marina di Cavallino, wo wir die Adriaseite erreichten, dann dort direkt an der Küste entlang, bis wir bei am Ende der Halbinsel wieder auf die Lagunenseite und zurück zum Ausgangspunkt kamen. Diese Tour war nur an diesen einem Tag möglich, an den anderen Tagen war das Wasser zu rauh für unsere Boote. Aber auch so war es zum Teil ein ordentliches Auf und Ab. Und am Abend meinte mein Körper immer noch, er würde rudern, alles schien immer noch zu schaukeln.

Bei den Pausen am Strand haben wir dann noch einen neuen Bootstyp kennen gelernt: Die Lebensretter am Strand haben Rettungs-Gondeln, die genau wie die großen Gondeln in Venedig gerudert werden, mit dem Schub vorwärts. Dazu ergab sich ein lustiges Gespräch mit einem Lebensretter an einem Strand, an dem wir für eine Pause anlegten. Ich erzählte, dass wir zum Rudern nach Venedig gekommen seien und für die Vogalonga. Er machte mit den Armen eine Bewegung nach vorne, als würde er seine Rettungs-Gondel fahren. Ich antwortete: “Nein, nein, wir machen es so!” – und machte dieselbe Bewegung andersherum, mit den Armen zum Körper.

Unsere Boote am Adriastrand

Eine venezianische Rettungs-Gondel

Die Vogalonga – rudere lang

Und dann natürlich die Vogalonga. Wir waren mit drei Booten dabei und mussten erst mal eine Stunde rudern um überhaupt nach Venedig zu kommen. Mein Boot erreichte den Startbereich im Bacino di San Marco erst kurz vor neun. Dann fiel pünktlich der Startschuss, der mit einem lauten Jubelschrei beantwortet wurde. Wir haben uns an der Seite gehalten und nach dem Startschuss erst alle vorbeigelassen, die es eilig hatten. Dann haben wir uns eingereiht, voll genug war es immer noch, und ich hatte eine gute Gelegenheit, steuern zu üben.

Die Vogalonga geht durch die Lagune bis hoch nach Burano, dann an Murano vorbei wieder nach Venedig. Dort kommt am Canale di Canareggio erst mal das Nadelöhr oder “der Pfropf”, dort ist es zu eng, dass alle gleichzeitig in den Kanal einfahren können, also regelt die Wasserschutzpolizei, wie viele Boote durch dürfen. Und bevor man durch kann, muss man gut aufpassen, dass sich die Boote nicht ineinander verhaken oder man den anderen im Weg rumsteht. Aber wir waren alle spät dran, da war niemand von sportlichem Ehrgeiz getrieben – und so war die Stimmung trotz der Enge ziemlich entspannt. Eine Niederländerin wollte uns sogar eine von den Tulpen schenken, mit denen ihr Boot dekoriert war. Aber die wäre ja hin gewesen, bis wir zurück waren, also habe ich dankend abgelehnt.

Tulpen – vielleicht aus Amsterdam

So sieht es aus, wenn nichts mehr geht

Etwas später kommt dann noch die Ponte di Tre Archi, dort sind Taucher im Wasser, die verhindern sollen, dass sich Boote querstellen oder gegen die Brücke fahren. Sie sehen aus wie große orangene Playmobilmännchen mit Helm. Den Helm tragen sie sicher nicht ohne Grund, ich will mir nicht vorstellen, wie viele Ruder oder gar Boote sie mehr oder weniger knapp verfehlen.

Und dann der Canale Grande. Es war eine fast feierliche Stimmung, die ganze Pracht an den Ufern, die Menschen, die uns von den Ufern angefeuert haben – am meisten allerdings die Boote, die eine Flagge mit “No grande navi” (“Keine Kreuzfahrtschiffe”) dabei hatten. Die Rialto-Brücke in ihrer Schönheit und die bescheidenere Accademia-Brücke, beide auch voller Menschen – es war so wunderbar, dass ich mir die Tränen verkneifen musste.

Die Rialto-Brücke

Die Accademia-Brücke, diesmal von Land

Von Start-Schuss zu Schluss-Schuss

Um 14:57 hörten wir dann die Ansage: “Noch drei Minuten, dann ist die diesjährige Vogalonga vorbei”, aber da waren wir dann auch im Zielbereich an San Marco angekommen und unterwegs zu den Pavillons, von denen aus uns die Medaillen und die Urkunden ins Boot geworfen wurden. Dann mehrere Böllerschüsse, wieder von Jubel begleitet. So hat meine erste Vogalonga genau die sechs Stunden gedauert, die wir Zeit hatten, vom Start-Schuss zum Schluss-Schuss. Da bekam das Wort Vogalonga – eine Mischung aus Rudern und lang – noch mal eine besondere Bedeutung. Anschließend machten wir eine Pause bei den Canottieri Querini, einem altehrwürdigen Verein, inklusive eines Blicks in das wunderschöne Bootshaus. Kurz davor schwappte uns noch eine riesige Welle ins Boot, also musste erstmal Wasser geschöpft werden. Dann nach einer weiteren Stunde Rückweg waren wir gegen 17:30 Uhr als letztes Boot zurück. Alle platt, mit tauben Hintern – aber glücklich.

Erste Male
Ich habe Venedig gesehen.
Ich bin auf der Adria gerudert.
Ich bin durch den Canale Grande gefahren.