Tag 1 – 1986 und heute

Meine Kinder und ich sind heute den ersten Tag gemeinsam zu Hause. Wegen Corona. Es fühlt sich alles noch etwas ungewohnt an. Auch den Kindern ist bewusst, dass das keine normalen Ferien sind. Das, was wir jetzt erleben ist neu, seltsam und, ja, auch bedrohlich, auch wenn ich diese Bedrohung für mich und meine Familie als nicht akut wahrnehme.

In meinem Leben ist es das zweite Mal, dass ich eine Lage als so einschneidend, als so verändernd wahrnehme. 1986, nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl, da hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass etwas grundlegend anders ist. Ich weiß noch, dass ich damals in den Regen kam, nass wurde – und der Regen konnte ja radioaktiv verseucht sein. Für diesen Fall wurde empfohlen, zu duschen oder zu baden. Also badete ich. Meine Mutter sagte: “Und das soll man einfach so abwaschen können…”. Ich weiß nicht, ob mein Bad einen Unterschied gemacht hat.

Im Unterschied zu heute war das Verhalten der einzelnen Menschen aber nicht so von Bedeutung wie heute. Niemand war “schuld”, alle gleichermaßen Betroffene. Eine Zeitlang blieben die Spielplätze leer, niemand aß mehr Pilze oder Wildschwein. An viel mehr kann ich mich aber nicht erinnern.

Heute kommt es viel mehr auf uns alle an. Es gibt zwar auch heute keinen “Verursacher”, auch heute ist niemand “schuld”. Aber jede*r kann theoretisch krank werden oder das Corona-Virus weitergeben. Deswegen zählt es, was jede*r von uns tut.

Unser Umgang mit der Corona-Krise zeigt mal wieder beides, das Potenzial zum Guten im Menschen und zum Egoismus, zur Leichtgläubigkeit und zur Schwarmdummheit.

Einerseits gibt es unzählige Hilfsangebote für alte Nachbarn. Einerseits gibt es Menschen, die über Hinterhöfe und Straßen hinweg gemeinsam singen oder von den Balkonen herunter für die Hilfs- und Rettungskräfte applaudieren.

Und dann gibt es die, die in Krankenhäusern Desinfektionsmittel klauen (bitte beliebiges Schimpfwort einfügen) und sich in Drogerien mit der Kassiererin streiten, weil sie keine Wagenladungen Klopapier kaufen dürfen. Die Fake-News verschicken.

Kurz bevor die offiziellen Meldungen kamen, dass die Schulen geschlossen würden, erhielt ich zweimal dieselbe WhatsApp mit offiziellen Informationen vom Bildungsministerium. Die Schulen würden geschlossen, inkl. Regelungen für die verschiedenen Jahrgänge. Es gibt ein Bildungsministerium auf Bundesebene, das hat aber keine Kompetenz, Schulen zu schließen. Bildung ist in Deutschland Ländersache und auf Länderebene heißt das zuständige Ministerium Kultusministerium. Aber darauf achtet halt nicht jeder, der solche Nachrichten verschickt.

Zweites Beispiel: die Nachricht, Ibuprofen würde schwere Verläufe von Corona verschärfen. Ebenfalls Fake, aber jetzt müssen die seriösen Institutionen im Gesundheitssektor Zeit damit verbringen, diesen Irrtum aufzuklären.

1986, bei Tschernobyl, gab es noch kein Internet, keine sozialen Medien. Auch damals hatten alle den Wunsch nach verlässlichen Informationen, nach Handlungsanweisungen, nach Sicherheit und Kontrolle. Aber man hatte viel weniger Informationsquellen. Vielleicht war das auch gut so, ich weiß es nicht. Internet und soziale Medien machen es sowieso schon schwer, seriös von fake zu unterscheiden und angesichts einer Krise wächst auch bei einigen die Leichtgläubigkeit.

Also bitte bewahrt auch in der Gerüchteküche Hygiene. Diese geniale Formulierung ist nicht von mir, sondern Thomas Kaspar von der Frankfurter Rundschau, der dazu auruft, abzuwarten, abzuwägen und nicht alles zu teilen, was einem so aufs Handy gespült wird. Dem kann ich mich nur anschließen.

Und ich würde mich freuen, wenn wir nach alldem stolz darauf sein könnten, wie wir die Krise gemeistert haben. Nämlich voller Menschlichkeit.