Tag 3 – Ruhe aushalten

Auf Instagram fand ich ein Gedicht mit dem Titel “Pandemie“. Es beginnt so:

“What if you thought of it
as the Jews consider the Sabbath –
the most sacred of times.
Cease from travel.
Cease from buying and selling.
Give up, just for now,
on trying to make the world
different than it is.”

“Was wenn du es betrachtest
wie die Juden den Sabbat –
als heiligste Zeit.
Verzichte aufs Reisen.
Verzichte aufs Kaufe und Verkaufen.
Gib es auf, nur jetzt,
die Welt anders machen zu wollen
als sie ist.”

Das ist eine Hoffnung, die jetzt oft geäußert wird: das wir zu uns selber finden, dass wir mehr darauf achten, was wir wirklich wollen und brauchen. Aber gleichzeitig kann es ganz schön schwer sein, mit der Ruhe, mit sich selbst umgehen zu müssen.

Ich musste heute morgen an einen Kurs für Wiedereinsteigerinnen in den Beruf denken, in dem ich mal unterrichtet habe. Es ging um Kommunikation und darum, dass jede*r die Umgebung/Umwelt anders wahrnimmt. Dazu sollten die Teilnehmerinnen drei Minuten lang schweigen und sich nur auf den Raum um sich konzentrieren. Prompt bekam eine Teilnehmerin einen Hustenanfall, der genau drei Minuten dauerte. Und alle fanden drei Minuten Schweigen furchtbar lang.

Später habe ich an einer Berufsschule gearbeitet. Da fiel mir auf, dass die Schüler*innen sich bei Einzelarbeit besser konzentrieren konnten, wenn sie gleichzeitig Musik über den Kopfhörer hören durften. Nur die Aufgabe und sie, dass war komischerweise schwieriger als die Aufgabe, die Musik und sie. Ja, ich höre teilweise auch Musik beim Arbeiten, aber ich kann auch das andere, das was in der Schule passenderweise Stillarbeit heißt.

Mein Eindruck ist, dass es vielen immer schwerer fällt, nur eine Sache zur Zeit zu machen. Das ist es, was mich auch oft am öffentlichen Handygebrauch stört. Wenn ich den Eindruck habe, dass es nur darum geht, keinen Leerlauf aufkommen zu lassen, weder bei einer zehnminütigen U-Bahn-Fahrt, z.T. noch nicht mal bei den alltäglichen Wegen zu Fuß.

Das Internet und die Handys bleiben uns ja zum Glück erhalten. Darüber bin ich auch froh darüber, nicht nur, weil ich beides brauche um mit anderen Menschen wegen verschiedener Dinge Kontakt zu halten. Und nur dank des Internets gibt es die Ausweichmöglichkeit Homeoffice überhaupt, die gerade so viele nutzen.

Aber was würden wir tun, wenn beides wegfiele? Wenn wir z.B. wieder auf dem technischen Stand meiner Kindheit wären? Nur öffentlich-rechtliches Fernsehen, Festnetztelefon und die CD war gerade der neueste Schrei. Ich habe so gelebt und ich habe damals nichts vermisst. Heute würde mir viel fehlen, alles andere wäre gelogen. Diese schnelle Verfügbarkeit von allem, das ganz besonders.

Und wenn wir noch weiter zurückgehen, könnten wir so leben, wie im 19. Jahrhundert. Wo man Briefe schrieb oder sich persönlich aufsuchte, um seine Angelegenheiten zu regeln? Und zur Unterhaltung hatte man Zeitungen, Bücher, Geschichten, Lieder und Gespräche.

In Filmen und Geschichten aus/über diese Zeiten wirkt das immer so idyllisch und romantisch. Aber die Welt war auch viel kleiner, man wusste weniger, man hatte weniger Möglichkeiten, Informationen zu überprüfen. Klatsch und Tratsch gab es genauso wie heute. Aber ich vermute, die Menschen waren weniger zerstreut als heute.

Ich glaube, insgesamt gefällt mir unsere jetziges Leben besser. Aber jeden Tag ein bisschen Ruhe, ein bisschen Sabbat, das täte uns allen gut.