Tag 9 – Ein bisschen was zu Medienkompetenz

Am Wochenende bekam ich das Interview von Eva Herman mit Wolfgang Wodarg über WhatsApp zugeschickt. Ich antwortete daraufhin mit einigen Links zu den Hintergründen beider Personen und der Bitte, sich doch gerade jetzt dringend zu überlegen, was man weiterleitet. Die Reaktion des Absenders: komplettes Unverständnis. Auf irgendeine verquere Weise hatte diese Person es damit gut gemeint, dieses Interview weiterzuleiten, weil sie darin sogar etwas Positives für uns alle zu finden meinte. Außerdem sei Wodarg ja Arzt und damit Wissenschaftler, also stimme das wohl schon, was er da so schreibt.

Und damit stecke ich in einer argumentativen Falle, denn wenn ich wiederum geantwortet hätte : “Auch Ärzte können Blödsinn reden.” kann diese Person mit Recht sagen, dass das dann ja auch für das Robert-Koch-Institut gelten könne. Und ich habe es dann schwer, zu begründen, warum die eine Information unseriös bis gefährlich ist und die andere seriös.

Und damit sind wir beim Thema Medienkompetenz. Nach dieser Diskussion habe ich mal meine Diplomarbeit rausgekramt, die hat nämlich auch das Thema Medienkompetenz, allerdings bezogen auf das Feld der Erwachsenenbildung. Die Arbeit ist von 2002, im Grunde fast noch zu früh, denn die Sozialen Medien gab es da noch gar nicht. Auch die Themen Hate Speech und Fake News waren allenfalls zu erahnen.

Aber auch damals galt schon, dass Medienkompetenz es einerseits erlaubt, mit der Entwicklung von Medien Schritt zu halten und diese gleichzeitig kritisch zu reflektieren.

Eine medienkompetente Person kann also:

  • die Geräte bedienen, durch die sie Zugang zum Medienangebot bekommt. Das fängt also im Grunde damit an, lesen zu können. Aber natürlich gehört auch dazu, PCs und Smartphones bedienen zu können, sowie die Programme und Apps, die darauf installiert sind.
  • die Inhalte nicht nur passiv aufnehmen, sondern auch aktiv nutzen, angefangen bei E-Mails und WhatsApp bis hin zum Betreiben des eigenen Youtube-Kanals. Wie intensiv man welches Medium nutzt, ist natürlich jede*m selbst überlassen.
  • die angebotenen Inhalte kritisch einordnen und sich als aktiver Nutzer*in sozialkompetent verhalten. Dazu gehört im weitesten Sinne, erkennen zu können, welche Interessen hinter einem Beitrag stehen aber auch, selbst andere nicht zu beleidigen oder fragwürdige Informationen zu verbreiten. Hierzu gehört auch der Umgang mit Hate Speech und Fake News.

Die Person, die mir das Wodarg-Interview weitergeleitet hat, ist also durchaus medienkompetent, wenn es um die ersten beiden Aspekte geht. Mit der kritischen Einordnung hapert es aber gewaltig.

Die Person hätte mir das Interview sicher nicht weitergeleitet, wenn sie gewusst hätte, dass Eva Hermann sich positiv über bestimmte Aspekte des dritten Reichs geäußert hat. Sie hat daher auch nicht darüber nachdenken können, was es über Wodarg aussagt, wenn er sich von ihr interviewen lässt. Und sie hat nicht überprüft, ob die Aussagen von Wodarg denn richtig sind. Aber vielleicht entsprechen sie ja auch ihrem Weltbild, wer weiß? Vielleicht glaubt sie ja auch, dass Wirtschaft, Politik und Pharmaindustrie zu wenig zum Wohl der Menschen handeln und Wodargs Aussagen sind Wasser auf ihre Mühlen. “Siehste, der sagt es auch, und der ist Arzt, der muss es ja wissen.” (Zu Wodargs einzelnen Aussagen sage ich hier jetzt nichts, das haben andere schon gemacht und sicher besser, als ich es hier könnte, z.B. die Seite Correctiv, aber auch der Express aus Köln.)

Die Kompetenz, Inhalte in Medien kritisch zu konsumieren, ist also gar nicht immer so einfach umzusetzen. Google ich nach “Wie erkenne ich Fake News?” bekomme ich lange Listen von Dingen, die ich als Nutzer*in tun muss, was sicher viel erst mal abschreckt.

Was kann ich also als Nutzer*in tun, um nicht auf Fake News hereinzufallen:

  • Informiere dich aus mehreren Quellen. Die sozialen Medien und auch die Suchmaschinen sind leider gut darin, Filterblasen zu produzieren, in denen sich Inhalte immer wieder selbst bestätigen und bestärken. Dennoch kann man z.B. die Seiten verschiedener Tageszeitungen nutzen, das Spektrum von taz bis faz und darüber hinaus ist groß. Wenn es um politische Themen geht: Was sagen die verschiedenen politischen Parteien dazu? Es gibt Nicht-Regierungsorganisationen , die sich kompetent zu den verschiedensten Themen äußern. Es gibt das Recherchezentrum Correctiv, das sich u.a. der Förderung von Medienkompetenz verschrieben hat. Speziell zum Thema Fake News empfehle ich den österreichischen Verein Mimikama.at. Die Seite sieht zwar etwas wühlig aus, weil sie werbefinanziert ist, die Informationen haben aber Hand und Fuß.
    (Die Empfehlungen sind auf keinen Fall vollständig, sondern meine subjektive Auswahl)
  • Auf Planet Wissen oder auch dem Faktencheck vom ZDF gibt es konkrete Anleitungen, wie man Fake News (hoffentlich) erkennen kann. Wie gesagt ist das zum Teil ziemlich arbeitsaufwändig.
  • Frage dich: Was für ein Weltbild wird vermittelt? Was sollst du glauben? Ich werde immer skeptisch, wenn eine “wir” gegen “die” – Haltung vermittelt wird. “Wir kleinen Bürger gegen die übermächtige Pharmaindustrie” bis hin zu “Wir rechtschaffenen Deutschen gegen die Flüchtlinge, die unser Sozialsystem ausnutzen”. Wird behauptet, mehr zu wissen als die*er Normalbürger*in? “Geheime Informationen aufgedeckt…!!!” Da ist der Schritt zur Verschwörungstheorie nicht weit. Und mit fundierter Information hat das dann gar nichts mehr zu tun.

Ich persönlich finde den ersten Punkt am wichtigsten, mehrere Perspektiven zu kennen bewahrt uns davor, blind auf jede sensationsheischende Nachricht hereinzufallen.

Und an dieser Stelle noch mal die Bitte: Überlegt bitte drei Mal, was ihr weiterleitet. Nicht nur jetzt, aber gerade jetzt! Vielen Dank!