Warum mir viele Ansätze zum Thema Nachhaltigkeit nicht ausreichen.

Auf Twitter fand ich folgendes Zitat, das mich sofort angesprungen hat und ziemlich viele meiner bisherigen Gedanken und Zweifel zum Thema Nachhaltigkeit zusammenfasst:

In diesem YouTube-Video ist nochmal die Langfassung zu sehen. (George Carlin war übrigens ein amerikanischer Komiker und Schauspieler.)

George Carlin trifft mein Unbehagen, was vieles an der Diskussion über Nachhaltigkeit angeht, ziemlich gut. V.A. meine ich damit den Satz: “We don’t even know how to take care of ourselves, we haven’t learned to take care for another”. Wie können wir behaupten, wir retteten den Planeten, wenn wir es noch nicht mal schaffen, gut mit uns selbst und gut miteinander umzugehen?

Und ich stimme auch voll zu, wenn er sagt, es geht nicht um den Planeten, es geht um uns Menschen. Wir machen unseren eigenen Lebensraum kaputt, nicht den Planeten. Die Erde hat schon viel mehr mitgemacht als uns.

Versteh’ mich nicht falsch, es geht nicht darum, dass nachhaltiges Handeln Blödsinn ist, ich meine damit nicht “Nach mir die Sintflut”. Immerhin zerstören wir auch den Lebensraum anderer Lebewesen, von Pflanzen und Tieren, die sich das ja nicht aussuchen können, dass sie zur selben Zeit auf der Erde sind wie wir. Und wir Menschen sind nun mal die einzigen, die verstehen – und vielleicht noch beeinflussen – können, was mit uns allen auf unserem Planeten Erde passiert.

Aber es gab die Erde vor uns Menschen und es wird sie danach geben.

Und deswegen ist Nachhaltigkeit ist für mich viel mehr als eine andere Ernährung, Vermeiden von Plastikmüll oder das Vermeiden von Autofahrten und Flugreisen. (Interessanterweise wird Nachhaltigkeit gerne gleichgesetzt mit den Themen Ernährung, Müllvermeidung und Kosmetik, das Thema Mobilität wird gerne auch mal ausgelassen.)

Im Grunde geht es um nichts weniger als die Frage, wie wir Menschen auf unserer Heimat Erde leben wollen. Aber wir können wohl kaum erwarten, dass sich 7.000.000.000 Menschen darüber einig werden. Und genauso wenig kann man wohl jede*m einzelnen begreiflich machen, dass das eigene Handeln einen Einfluss hat, dass es eben nicht egal ist, was wir essen, wie wir wohnen oder reisen u.v.m.. Selbst wenn unser gelber Sack sich langsamer füllt, weil wir unseren Plastikmüll reduzieren, ist das ja nur der Bruchteil eines Bruchteils eines Bruchteils des globalen Mülls. Wenn wir das Auto abschaffen und nur noch Zug fahren, wird die Luft, die wir einatmen für uns nicht spürbar besser. Wir können kaum mehr als darauf vertrauen, dass unser Handeln einen Unterschied macht, langfristig.

Aber im langfristigen Denken und Handeln sind wir Menschen eben auch nicht besonders gut.

Und deswegen fangen viele eben erst gar nicht an. Und kurzfristige, direkte Bedürfnisbefriedigung spüren wir eben, an der Zufriedenheit mit dem neuen Oberteil oder dem Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit im neuen Auto.

Im Grunde heißt Nachhaltigkeit, sich über seinen Platz auf dieser Welt klar zu werden. Das heißt auch, sich darüber klar zu werden, was meine Bedürfnisse und Ansprüche sind. Und ob sie global gesehen, überhaupt gerechtfertig sind. Wir in den reichen Ländern sind alle an Ausbeutung und Umweltzerstörung beteiligt, allein durch die Kleidung, die wir tragen, durch die Erdbeeren, die wir im Februar essen wollen, die Metalle in unseren Handys. Nur 5% der Weltbevölkerung fliegen überhaupt und sind damit verantwortlich für einen großen Teil der CO2-Belastung. Und sich das klar zu machen ist unangenehm. Weil wir uns an unseren Lebensstandard gewöhnt haben, ihn für selbstverständlich halten oder sogar meinen, ein Recht auf ihn zu haben.

Nachhaltigkeit erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion.

Für mich fängt Nachhaltigkeit damit an, sich selbst und nur sich selbst zu fragen: Was brauche ich eigentlich wirklich im Leben? Was sind meine Bedürfnisse, was sind Wünsche, worauf meine ich ein Recht zu haben, einen Anspruch? Wäre es wirklich ein so großer Verzicht, ständig neue Kleidung zu kaufen oder verstopfe ich damit nicht doch nur meinen Kleiderschrank? Brauche ich wirklich jedes Jahr ein neues Handy oder kann ich das jetzige nicht doch so lange benutzen, bis es wirklich kaputt ist?

Und es geht über den Konsum sogar noch hinaus. Was ist eigentlich mit meinen ganz eigenen Ressourcen, meinen eigenen Kräften, Fähigkeiten, meinen Gefühlen? Wie gehe ich eigentlich mit mir um? Nutze ich meine eigenen Ressourcen zu wenig oder überbeanspruche ich sie? Wie ist mein Verhältnis zu anderen Menschen? Wie gehe ich mit ihnen um? Wenn da nicht mehr so viele unerfüllte Bedürfnisse und Wünsche wären, müssten wir vielleicht auch nicht so viel durch Konsum kompensieren.

Ja, das ist ein verdammt hohes Ideal. Und nein, ich erfülle es selbst bei weitem nicht. Ich bin ganz gut, was nachhaltige Mobilität angeht, aber damit hat es sich dann im Wesentlichen auch. Ich bin selbst noch auf der Suche nach meinem Weg und damit noch ganz am Anfang.

Aber es ist mir wichtig zu sagen, dass Nachhaltigkeit verdammt noch mal mehr ist als wohlfühlige, instagram-taugliche Events. Nachhaltigkeit zwingt uns in den reichen Ländern uns an die eigene verwöhnte Nase zu fassen, uns der unglaublichen Privilegiertheit unseres Lebens bewusst zu werden und auch noch Platz zu lassen für die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen aus den ärmeren Ländern. Die sind nämlich genauso berechtigt wie unsere.

Es geht nicht um den Planeten. Es geht um ein gerechtes, menschenwürdiges, artgerechtes Leben für uns alle, jetzt und in Zukunft.