Was brauchst du?

Woran hast du gedacht, als du die Frage “Was brauchst du?” gelesen hast? Was ist dir spontan eingefallen? Vielleicht konntest du die Frage gar nicht beantworten, weil da das “Wofür?” fehlt. Die Frage: “Was brauchst du, wenn du traurig bist?” wirst du sicher anders beantworten als: “Was brauchst du, um den Stress im Job besser zu bewältigen?” Oder es hat dir das “Wann?” gefehlt. Was brauchst du jetzt gerade? Was brauchst du morgens, wenn du deine Kinder aus dem Haus scheuchen musst? Bei dieser Frage könnte auch noch das “Von wem?” ins Spiel kommen. Was könnten dein Mann oder deine Kinder tun, damit der Stress morgens geringer ist?

Es gibt auf die Frage “Was brauchst du?” ganz viele verschiedene Antworten. Ich habe mir mal angesehen, was “brauchen” laut Duden heißt und habe folgende Definitionen gefunden:

nötig haben, [für sich] benötigen: “Trost brauchen.” “Er braucht eine Brille.”

(zur Erledigung von etwas eine bestimmte Zeit) benötigen, aufwenden müssen: “Der Zug braucht zwei Stunden bis Stuttgart.”

bedürfen: “Es braucht keiner weiteren Erklärungen.”

gebrauchen, verwenden, benutzen: “Kannst du die Sachen noch brauchen?”

(in bestimmter Menge) verbrauchen, aufbrauchen: “Das Gerät braucht wenig Strom.”

müssen: “Er braucht heute nicht zu arbeiten.”

Bisher war von “brauchen” im Sinn der ersten Definition die Rede. Ich könnte z. B. auch sagen: “Was benötigst du, um den Stress im Job besser zu bewältigen?”

Allerdings verwenden wir “brauchen” auch oft im Sinn von “gebrauchen, verwenden, benutzen”: “Das Kleid brauche ich nicht mehr, das kannst du haben.” Oder – und diese Definition fehlt im Duden – im Sinn von “wollen”: “Ich brauche unbedingt das neue Handy XYZ!” In beiden Fällen geht es oft um Materielles, um Dinge. Das muss aber nicht automatisch etwas schlechtes sein. Meine Frage “Was brauchst du?” kann durchaus auch in diesem Sinn beantwortet werden: “Ich brauche jetzt was zu essen!” oder “Ich brauche eine warme Winterjacke.”

Die Antworten auf die Frage lassen jeweils erkennen, welche Bedürfnis gerade im Vordergrund steht. Wenn du sagst: “Wenn ich traurig bin, brauche ich eine Umarmung.” dann ist es dein Bedürfnis getröstet zu werden, damit die Traurigkeit weniger wird oder ganz verschwindet. Wenn du sagst: “Ich brauche eine warme Winterjacke”, dann ist es dein Bedürfnis, im Winter nicht zu frieren, es warm zu haben.

Aber was brauchen wir, wenn wir sagen: “Ich brauche/will unbedingt das neue Handy XYZ!” erst recht, wenn wir zu Hause noch das Vorgängermodell haben, das auch noch funktioniert? Da geht es vielleicht mehr um das Gefühl, sich etwas leisten zu können, zu denen zu gehören, die Vorreiter sind. Da ist das Handy vielleicht ein Statussymbol. Auch das ist nichts schlechtes, wir alle haben unsere Statussymbole. Mit ihnen zeigen wir, wie wir gesehen werden möchten. Für die einen ist es das schnelle Auto, für den anderen das neueste Lastenrad mit E-Antrieb.

Dennoch finde ich es wichtig zwischen “brauchen” und “wollen” zu unterscheiden. “Wollen” hat etwas kurzfristigeres, impulsgesteuertes. Jede von uns hat schon mal aus einem Impuls heraus etwas gekauft, was dann direkt nach dem Kauf schon wieder uninteressant war und nie benutzt wurde. “Brauchen” ist viel fundamentaler, zielt auf die ureigensten Bedürfnisse ab, bis hin zu den Überlebens-Bedürfnissen. Wir alle brauchen Sauerstoff, sonst würden wir ersticken. Wir alle brauchen sauberes Trinkwasser, ausreichend und gesundes Essen, ein warmes und sicheres zu Hause.

Aber selbst wenn diese Bedürfnisse erfüllt sind würden wir nicht davon sprechen, dass sie für ein erfülltes und zufriedenes Leben reichen. Vielleicht ahnst du es schon, ich steuere auf die Maslowsche Bedürfnishierarchie zu. Das Modell stammt vom amerikanischen Psychologen Abraham Maslow (1908 -1970). Zu diesem Modell gibt es einen ganz guten Wikipedia-Artikel, da kannst du nachlesen, wenn du mehr dazu wissen willst. Für den Moment übernehme ich nur seine Bedürfniskategorien:

Physiologische Bedürfnisse: z. B. Atmung, Wasser, Nahrung, Schlaf, Fortpflanzung

Sicherheitsbedürfnisse: körperliche und seelische Sicherheit, materielle Grundsicherung, Arbeit, Wohnung, Familie, Gesundheit

Soziale Bedürfnisse: soziale Beziehungen, die Zugehörigkeit, Kommunikation, Austausch und Unterstützung gewährleisten. Dazu gehören auch Liebe und Sexualität.

Individualbedürfnisse: Vertrauen, Wertschätzung, Selbstbestätigung, Erfolg, Freiheit und Unabhängigkeit. Maslow unterscheidet hier Bedürfnisse, wie Stärke, Erfolg, Unabhängigkeit und Freiheit, zu deren Verwirklichung wir aktiv beitragen können von Bedürfnissen wie Ansehen, Prestige oder Wertschätzung, die uns andere geben müssen.

Selbstverwirklichung: Entfaltung von Talenten, Potenzialen und Kreativität. Zeigen, was in mir steckt.

Diese Bedürfnisse werden oft in einer Pyramide dargestellt, mit den physiologischen Bedürfnissen an der Basis und der Selbstverwirklichung an der Spitze. Diese Darstellung geht aber gar nicht nicht auf Maslow selbst zurück, sondern stammt von anderen Autoren.

Maslows Bedürfnishierarchie wird dafür kritisiert, dass es suggeriert, es müssten erst die grundlegenden Bedürfnisse befriedigt werden, damit die “höheren” Bedürfnisse überhaupt entstehen. Dem steht entgegen, dass Bedürfnisse immer wieder aufs Neue befriedigt werden müssen. Wir müssen z. B. jeden Tag trinken, essen und schlafen. Ich glaube außerdem, dass alle Bedürfnisse gleichzeitig vorhanden sind. Aber natürlich ist es sehr schwer, Selbstverwirklichung zu erreichen, wenn man kein festes Dach über dem Kopf hat und sich täglich fragen muss, wo man genug zu essen her bekommt.

Und natürlich kann es auch sein, dass wir uns unserer Bedürfnisse gar nicht bewusst sind. Wenn jemand immer wieder unkontrolliert isst, dann erfüllt sich damit nicht mehr das Bedürfnis nach Nahrung, das ist längst übererfüllt, sondern es steckt etwas anderes dahinter, dessen man sich oft nicht bewusst ist.

Trotzdem finde ich Maslows Kategorien ganz gut, um sich vor Augen zu führen, wie viele Antworten die Frage: “Was brauchst du?” haben kann. Wenn z. B. meine Tochter zu mir kommt und sagt : “Mir ist kalt!” kann es sein, dass es ihr hilft, wenn ich die Heizung etwas wärmer drehe oder ihr eine Decke gebe. Dann wäre ihr auf physiologischer Ebene geholfen. Aber vielleicht fühlt sie sich auf emotionaler Ebene schlecht und sucht seelische Wärme. Dann liegt ihr Bedürfnis eher auf der sozialen Ebene und ich helfe ihr, indem sich sie fest in den Arm nehme.

Und ganz kompliziert wird es, wenn Bedürfnisse konkurrieren: Alle Eltern kennen die Situation, dass das Nähebedürfnis und der Hunger ihres Babys dem eigenen – dringenden – Bedürfnis nach Schlaf entgegen steht. Da kommt dann Verantwortung ins Spiel – die Eltern kümmern sich zuerst um das Baby und dann erst um sich. Zum Thema Verantwortung sagt Maslows Bedürfnishierarchie so weit ich weiß leider nichts.

Aber der Konflikt zwischen den eigenen Bedürfnissen und denen anderer muss sich nicht nur im eigenen Nahbereich abspielen. Wenn wir unser Bedürfnis nach Wärme im Winter mit Kleidung erfüllen, die z. B. in einer Textilfabrik mit untragbaren Arbeitsbedingungen hergestellt wird, dann tragen wir möglicherweise dazu bei, dass das Bedürfnis der Textilarbeiterinnen nach Sicherheit und Unversehrtheit nicht erfüllt wird. Oder wenn unser Bedürfnis nach Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit dazu führt, dass Touristenorte von Instagrammern überschwemmt werden (die dann alle das selbe Motiv fotografieren, #scnr) wodurch sich das Bedürfnis der Bewohner nach Ruhe nicht mehr erfüllt.

Und wenn man es noch weiter denkt: Auch die Natur hat Bedürfnisse, gar nicht mal so andere als wir. Zumindest die drei Ebenen physiologische Bedürfnisse, Sicherheitsbedürfnisse und soziale Bedürfnisse finden sich auch bei Tieren und auch Pflanzen haben physiologische und Sicherheitsbedürfnisse. Und wie oft verweigern wir Menschen die Erfüllung dieser Bedürfnisse? Gerade was unser Bedürfnis nach Nahrung angeht, können wir immer wieder die Frage stellen: “Geht es nicht auch anders?” Ja, wir müssen essen. Aber wie viel Fleisch brauchen wir wirklich, um unseren Körper gesund zu erhalten? Wie viel Zucker? Wie viel Fett? Die Anzahl der Ratgeber zum Thema Essen und Abnehmen verwirrt dabei noch eher als wirklich darüber aufzuklären, welche Nahrungszusammensetzung unser Körper braucht.

Die kleine Frage “Was brauchst du?” hat es also in sich. Brauchen wir etwas oder wollen wir etwas? Sind wir uns unserer Bedürfnisse überhaupt bewusst? Suchen wir die Antwort überhaupt auf der richtigen Bedürfnisebene? Können wir immer bekommen, was wir brauchen, weil die Bedürfnisse der anderen im Weg stehen oder wir ansonsten die Bedürfnisse der anderen missachten? Gibt es nicht noch andere Möglichkeiten, die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen?

Trotzdem sollten wir nicht aufhören uns diese Frage zu stellen. Weil sie dabei hilft, den eigenen Platz zu bestimmen, die eigene Position zu finden, Grenzen zu setzen und sich nicht den Bedürfnissen der anderen unterzuordnen.

Wenn wir uns fragen: “Was brauchst du?” geht es immer auch um das Gleichgewicht zwischen Bedürfnissen und Verantwortung. Und das kann schwer zu halten sein.

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